schach.matt

Der Turm


Für dich, Maik !

Sie sah hinauf zu Himmel. Die Sonne gab ihr bestes, doch die voranschreitende Zeit zwang sie unaufhörlich, endlich unterzugehen und der Nacht freien Weg zu gewähren. Die pastellfarbenen Töne des Sonnenuntergangs mischten sich bedrohlich mit dem Anbruch der Dunkelheit. Die riesige Leuchtreklame auf der Spitze des Turmes, der ihren Blick gefesselt hielt, hob sich nur schwächlich von den letzten verzweifelten Strahlen ab – aber es war nicht der Turm oder die riesigen Lettern, die sie fixiert hatte…es waren die zwei einsamen Vögel, die darum kreisten. Sie war sich nicht sicher, ob es Krähen waren, doch das war eigentlich irrelevant: sie waren zu zweit und von derselben Art, ganz, wie sie und er. Die gefiederten Wesen flogen um- und hintereinander, übereinander, nebeneinander, landeten schließlich auf einem der großen Leuchtbuchstaben – gemeinsam. Vielleicht war es der Wind, der sie wieder unruhig werden ließ, vielleicht auch die Anwesenheit des Anderen. Ein weiteres Mal erhoben sie sich in die kühle aber angenehme Abendluft und begannen, zu tanzen. Ihre Musik sangen sie sich selbst mit herrlicher und kräftiger Stimme. Was würde sie nur darum geben, jetzt mit ihm zu tanzen? Die Vögel tanzten unaufhörlich weiter, der Wind mochte ihr Gefieder zerzausen, sie zu der einen oder anderen Drehung zwingen. Sie schwangen sich hinauf und wieder hinab, landeten auf den Lettern und stießen sich sogleich wieder ab, um einen neuen Walzer zu beginnen. Der Turm war lediglich die Bühne, die klare Abendluft war ihnen die Tanzfläche: eine Drehung folgte der nächsten, im Sturzflug hinab, der Aufstieg folgend…wieder dachte sie an ihn und verurteilte sich dafür, schließlich war er nicht der Inbegriff der Welt, er war nicht Alles und nicht das Einzige. Die Vögel flogen tiefer – näher – sie hatten ihren Tanz beendet. Die Musik war verstummt, die letzten Schritte geführt. Ihre abnorme Hässlichkeit war beinahe abstrakt in dieser romantischen Situation. Sie flogen nebeneinander und landeten ein letztes Mal auf dem Turm, den sie Nacht allmählich eingeholt hatte und zu verschluckten drohte, nur die riesige Leuchtreklame kämpfte gegen das Dunkel an.
Ganz Recht: er war weder die Welt, noch Alles, noch das Einzige, aber er war ihre Bühne, er war ihre Tanzfläche und ihre Musik – er war ihr Tanzpartner.
Die Vögel erhoben sich kein weiteres Mal. Nach und nach verschmolzen die hässlichen Gestalten mit der Nacht – sie hatten sich zur Ruhe begeben.
Sie sah ihn klar und deutlich vor sich und lächelte: im Grunde genommen war er ihr Vogel…






… und sie der Seine…






Ich liebe dich!
Melo.
2.9.07 22:18


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